7.4.2026
Ich habe mich letzte Woche mit den Chefökonomen zweier Großbanken unterhalten. Da ging es um die aktuellen geopolitischen Herausforderungen und darum, was das jetzt für Unternehmen und die europäische Wirtschaft bedeutet. Beide ökonomische Pragmatiker und dennoch konnten sie meine Einschätzung bestätigen, dass Fragen der Nachhaltigkeit in der momentanen Situation an Bedeutung gewinnen.
Diese präsentieren sich allerdings jetzt in einem neuen Gewand. Was vor Kurzem noch „ESG“ war, läuft heute unter dem Begriff „Resilienz“. Klarerweise war natürlich auch schon zuvor das eine die Folge des anderen. Aber egal.
Worum geht es? Wer klaren Blickes ist und wirtschaftliche Verantwortung trägt, muss aktuell zwei zentrale Schlüsse ziehen:
1) Unternehmen sowie die Gesamtheit der europäischen Volkswirtschaften müssen dringend ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beenden (mittelfristig) bzw. rasch drastisch reduzieren (kurzfristig). Unsere größten Lieferanten sind höchst instabile und undemokratische Regionen, was laufend zu Öl- und Gaskrisen führt.
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gab es im Nahen Osten je nach Zählweise und Definition zehn große Kriege und mehrere Dutzend kleine. In Summe rund 350 Konfliktjahre. Es besteht keine große Hoffnung, dass sich das in den nächsten Jahrzehnten groß ändert.
Seit der ersten Präsidentschaft Wladimir Putins ab dem Jahr 2000 führte Russland durchgehend Krieg – mit einer Ausnahme zwischen 2010 und 2013. 21 Jahre Blutvergießen in Tschetschenien, in Georgien, in Syrien, auf der Krim, im Donbass, in der Ukraine.
2) Unternehmen müssen ihre Lieferkette kontrollieren. Sie müssen nicht nur wissen, wer ihre direkten Lieferanten sind, sondern welche Lieferanten ihre Lieferanten beliefern. Sie müssen wissen, wie die arbeiten, wo sie agieren, wie die Lieferwege aussehen. Welche Auswirkungen zusammenbrechende Lieferketten haben, wurde und wird uns in der Corona-Pandemie und im aktuellen Irankrieg deutlich vor Augen geführt.
Nun, woher kommen diese beiden Forderungen ursprünglich? Das sind zwei wesentliche Eckpfeiler der ESG-Bewegung: die Erkenntnis, dass Europa bis 2050 dekarbonisiert sein muss und dass es nicht egal ist, welche dunklen Flecken die Lieferkette aufweist.
ESG ist kein Orchideenfach, sie ist strategischer Wegweiser!
In vielen Unternehmen scheint man allerdings nach wie vor zu meinen, dass ESG bzw. Nachhaltigkeit nichts mit dem eigenen Geschäft zu tun hat. Nichts mit der Frage, wie man künftig erfolgreich sein kann und stabile Erträge erwirtschaftet. Als stünde das Thema irgendwie abseits und hätte nichts mit der eigenen Ausrichtung und Strategie zu tun. Als würden galoppierende Inflation und Lieferausfälle vom Himmel fallen.
Nicht anders ist es für mich zu interpretieren, dass die Studie „KMU in Österreich“ von Business Gladiators und Leitbetriebe Austria zum Schluss kommt, dass 96 % der heimischen Unternehmen Nachhaltigkeit derzeit keine Priorität zumessen.
Da kann man nur laut rufen „Aufwachen!“ und hoffen, dass es zu keinem allzu bitteren Erwachen kommt. Nachhaltigkeit ist keine ökologische Spinnerei und auch keine abseitige Ideologie, als die sie immer wieder abgetan wird. Nachhaltigkeit bedeutet, so zu wirtschaften, dass die Voraussetzungen dafür auch morgen noch gegeben sind. Nachhaltigkeit ist Resilienz, und wer sein Unternehmen strategisch führt, weiß das und erkennt die Zusammenhänge.
Sie möchten mehr über dieses Thema erfahren? Dann bitte gerne mit uns Kontakt aufnehmen.
FAQs
Weil Nachhaltigkeit direkt mit Versorgungssicherheit, Energieabhängigkeit, Lieferkettenstabilität und Risikomanagement verbunden ist. Sie entscheidet damit zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit.
ESG stärkt die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen, weil es auf stabile Lieferketten, geringere Abhängigkeiten, verantwortungsvolle Unternehmensführung und langfristige Risikoreduktion abzielt.
Weil Unternehmen nicht nur ihre direkten Lieferanten kennen sollten, sondern auch Risiken, Standards und Abhängigkeiten entlang der gesamten Lieferkette verstehen müssen. Das ist entscheidend für Stabilität und Krisenfestigkeit.
Die Reduktion fossiler Abhängigkeiten senkt geopolitische Risiken, macht Unternehmen weniger anfällig für Energiekrisen und unterstützt eine langfristig stabile wirtschaftliche Entwicklung.
Weil nachhaltiges Wirtschaften hilft, Risiken früh zu erkennen, Kosten- und Versorgungsschocks besser abzufedern und die Voraussetzungen für künftigen Unternehmenserfolg zu sichern.