Warum Bargeld und Filialen wichtiger sind als viele glauben



17.3.2026

Die Zukunft des Bankings scheint längst entschieden: digital, effizient, ohne Filialen. Wer heute über Finanzdienstleistungen spricht, spricht über Apps, über User Experience und über Geschwindigkeit. Und ja – vieles spricht dafür, dass sich genau in diese Richtung alles weiterentwickelt.

Und trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Denn sobald man die Perspektive ein wenig erweitert und nicht mehr nur auf Bequemlichkeit und Effizienz schaut, sondern auf Stabilität, Sicherheit und gesellschaftliche Funktionalität, wird klar: So einfach ist die Sache nicht.

Gerade bei den Filialen zeigt sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Die Zahlen sind eindeutig: Es gibt weniger Standorte als noch vor einigen Jahren, und dieser Trend wird sich wohl fortsetzen. Die naheliegende Interpretation lautet dann schnell: Die Filiale hat ausgedient.

Aber vielleicht ist das eine falsche Schlussfolgerung.

Denn die Filiale ist kein Selbstzweck. Sie war immer nur Mittel zum Zweck – ein Ort, an dem bestimmte Leistungen erbracht wurden. Dass viele dieser Leistungen heute digital verfügbar sind, ist unbestritten. Was allerdings kaum gelungen ist: die Filiale neu zu denken.

Seit Jahren wird über „Beyond Banking“ gesprochen, also über zusätzliche Angebote, die über das klassische Bankgeschäft hinausgehen. In der Praxis bleibt das meist ein Schlagwort. Dabei wäre genau hier der Hebel, um physische Standorte wieder relevant zu machen. Nicht als Ort für Standardtransaktionen, sondern als Raum für Lösungen, die digital eben nicht so einfach abbildbar sind. Potenzial wäre sicherlich vorhanden, wenn man z. B. an Unterstützung bei ESG-Themen für Firmenkunden, Hilfe bei steuerlichen Fragestellungen für Privatkunden oder die umfassende Begleitung bei komplexen finanziellen Entscheidungen denkt.

Noch klarer wird die Sache beim Thema Bargeld.

Wer glaubt, dass Bargeld einfach ein Auslaufmodell ist, sollte einen Blick nach Schweden werfen. Dort wurde die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs besonders konsequent vorangetrieben – mit beeindruckenden Effizienzgewinnen. Gleichzeitig sind aber Probleme entstanden, die lange unterschätzt wurden: steigender Betrug, wachsende Abhängigkeit von funktionierender Infrastruktur und vor allem der Ausschluss jener Menschen, die mit digitalen Lösungen nicht zurechtkommen oder keinen Zugang dazu haben.

Die schwedische Zentralbank hat daraus eine bemerkenswerte Schlussfolgerung gezogen: Bargeld ist kein Relikt, sondern ein stabilisierendes Element. Nicht als Gegenentwurf zur Digitalisierung, sondern als notwendige Ergänzung.

Diese Erkenntnis wird auch durch Zahlen aus dem Euroraum gestützt. Fast jeder fünfte Erwachsene hat keinen vollständigen Zugang zu digitalen Zahlungsmitteln. Das ist keine Randgruppe. Und es sind auch nicht nur die oft zitierten „Alten und Armen“. Die Realität ist vielfältiger und genau deshalb ist es gefährlich, sich auf eine einzige Zahlungsform zu verlassen.

Damit bekommt die Diskussion eine andere Dimension. Es geht nicht mehr um die Frage, ob Bargeld oder digital „besser“ ist. Es geht um Resilienz. Um die Fähigkeit eines Systems, auch dann zu funktionieren, wenn einzelne Teile ausfallen oder nicht für alle zugänglich sind.

Und genau hier schließt sich der Kreis zu den Filialen.

Denn Bargeld existiert nicht im luftleeren Raum. Es braucht Infrastruktur. Orte, an denen es ausgegeben, eingezahlt und verarbeitet werden kann. Solange es keine flächendeckende Alternative dazu gibt, sind Filialen – oder zumindest physische Zugangspunkte – ein unverzichtbarer Teil dieses Systems. Wie sollte man sonst Unternehmen dazu anhalten, Bargeld von ihren Kunden anzunehmen, wenn sie das später nirgendwo „loswerden“ können.

Das bedeutet nicht, dass alles so bleiben muss, wie es war. Im Gegenteil. Die Anzahl der Filialen wird sich weiter verändern, genauso wie ihre Funktion. Aber die Vorstellung, dass man Bargeld erhalten und gleichzeitig die physische Infrastruktur weitgehend abbauen kann, ist schlicht nicht realistisch.

Wir führen die Diskussion oft als „entweder/oder“. Digital oder Bargeld. Filiale oder App. Zukunft oder Vergangenheit. In Wirklichkeit geht es aber um etwas anderes: um ein System, das mehrere Wege gleichzeitig offenhält.

Ein System, das effizient ist, aber nicht fragil. Ein System, das modern ist, aber niemanden ausschließt. Ein System, das funktioniert, auch dann, wenn es darauf ankommt.

Bargeld und Filialen sind in diesem Kontext keine nostalgischen Relikte. Sie sind Teil einer resilienten Infrastruktur und genau deshalb sind sie wichtiger als viele heute glauben.

Mario Offenhuber, Geschäftsführer RIM Management

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FAQs
1. Warum ist Bargeld trotz Digitalisierung noch wichtig?

Bargeld sorgt für Stabilität im Finanzsystem, da es unabhängig von digitaler Infrastruktur funktioniert. Es ist besonders wichtig bei Systemausfällen, Cyberangriffen oder für Menschen ohne Zugang zu digitalen Zahlungsmitteln.

2. Wer ist auf Bargeld angewiesen?

Nicht nur ältere oder einkommensschwächere Menschen nutzen Bargeld. Auch viele Selbstständige, kleine Unternehmen oder Personen ohne vollständigen Zugang zu digitalen Services sind darauf angewiesen.

3. Welche Rolle spielen Bankfilialen in Zukunft?

Bankfilialen entwickeln sich von Transaktionsorten zu Beratungs- und Lösungszentren. Sie bieten Unterstützung bei komplexen finanziellen Entscheidungen, die digital oft schwer abbildbar sind.

4. Warum können Bankfilialen nicht einfach abgeschafft werden?

Filialen sind Teil der Bargeldinfrastruktur. Ohne physische Standorte fehlt die Möglichkeit, Bargeld ein- und auszuzahlen – ein funktionierendes Bargeldsystem wäre so nicht möglich.

5. Ist ein vollständig digitales Finanzsystem realistisch?

Ein rein digitales System ist anfällig für technische Störungen und schließt bestimmte Bevölkerungsgruppen aus. Daher gilt es als weniger resilient als ein hybrides System.

6. Was bedeutet Resilienz im Banking?

Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Finanzsystems, auch bei Störungen stabil zu funktionieren. Dazu gehört, mehrere Zahlungswege – digital und physisch – parallel aufrechtzuerhalten.

7. Wie sieht das Banking der Zukunft aus?

Die Zukunft liegt in hybriden Modellen: Digitale Angebote für Effizienz und Komfort, kombiniert mit Bargeld und physischen Zugangspunkten für Stabilität und Inklusion.