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Open Banking: Riesige Chance und Mega-Risiko



8.1.2021 – Um einer Bank Konkurrenz zu machen, muss man keine Bank mehr gründen.

Denn seit PSD2 und dem daraus resultierenden „Open Banking“ haben lizenzierte Unternehmen Zugriff auf Kontodaten und können selbst Zahlungen für Kunden auslösen. Die Banken sind verpflichtet, Schnittstellen vorzuhalten, über die Drittdienstleister auf die Zahlungskonten der Kunden zugreifen können.

Nun stellt sich die Frage, wessen Kunde bzw. wessen Kundin ist das dann? Wer kontrolliert die Kundenreise?

Folgende Hypothese: Ein kleines Start-up beantragt und erhält die Lizenz, ein „Account Information Service Provider (AISP)“ und ein „Payment Initiation Services Provider (PISP)“ zu sein.

AISPs sind berechtigt, auf Zahlungs- und Abrechnungskonten des Kunden zuzugreifen und ihm Kontoinformationen bereitzustellen. PISPs können elektronische Zahlungsvorgänge im Namen des Kunden auslösen.

Anschließend programmiert das Start-up eine App mit zwei einfachen Funktionalitäten:

a) Eine One-Touch Funktion zum bequemen Abrufen des Kontostands mit ein paar zusätzlichen Warn- und Limit Funktionen. Dazu ein bisschen „Gamification“ – ein paar bunte Bilder, Grafiken, die Option „Follower“ zu gewinnen und mit diesen definierte Umsätze zu teilen, etc. Verfügt der User über mehrere Konten, so werden diese natürlich zusammengefasst.

b) Kombiniert wird das mit einer schicken und einfachen „Pay now“ Funktion. Hinzu kommen coole Mehrwertdienste und aggregierte Finanzinfo. Vielleicht sogar eine Option für Konsumkredite und / oder Kreditkarten.

Natürlich liegt das Konto nach wie vor bei der eigentlichen Bank, aber würde die Kundin / würde der Kunde sich in seiner Wahrnehmung als Kunde der Bank wahrnehmen, oder als Kunde der App bzw. des Start-ups?

Die User der App haben keine große Veranlassung mehr, mit einer Bank in Interaktion zu treten. Die Konten können online eröffnet werden, vielleicht sogar innerhalb der App. Sollte doch einmal ein Hypothekarkredit oder ähnlich Kompliziertes benötigt werden, dann kann man die Bankspezialisten ja mal besuchen. Aber sonst – keine Touch Points, kein Cross-Selling, keine echte Kundenbeziehung. Nur die regulatorischen Verpflichtungen liegen nach wie vor bei der Bank.

PSD2 bzw. Open Banking sind umso spannender, als nicht nur kleine Start-ups Gebrauch von den offenen Schnittstellen machen können, sondern auch klassische Banken. Das heißt, auch ein herkömmliches Kreditinstitut kann hergehen und eine offene Plattform oder eine App wie oben beschrieben lancieren.

Die Systeme sind nicht mehr abgeschottet; jede Bank kann in das Gehege einer anderen eindringen. Damit stehen die einzelnen Häuser in einer viel größeren Konkurrenzbeziehung zueinander als das vor PSD2 der Fall war.

Das ist weniger eine Frage der Technologie als eine der Strategie. Seit Einführung von PSD2 vor mehr als zwei Jahren hat sich wenig in punkto Open Banking getan. Das wird aber nicht so bleiben, weshalb „wegducken“ keine gute Idee ist.

Es ist Zeit, sich Gedanken zu machen, ob man auch künftig die Customer Journey der eigenen Kunden kontrollieren möchte – oder ob man sie kampflos übergibt, an FinTechs, BigTechs oder andere Banken.

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